Buchvorstellung - Bis wieder ein Tag erwacht

#144 Rezension

Bis wieder ein Tag erwacht

Charlotte Roth

Gelesen von: Elisabeth Günther
Spieldauer: 22 Stunden 35 Minuten
Version: ungekürzt
Verlag: Audible GmbH
Erscheinungsdatum: 03. Juli 2017
Sprache: Deutsch

Buch: 5 von 5 Sternen
Hörbuch: 4 von 5 Sternen 

© Audible

Buchbeschreibung:
Ein Roman über die Kraft der Liebe, den Kampf für die Freiheit und den Mut zum Leben.

Ein verwunschenes Küstendorf in der Provence in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts: Über alle Klassenunterschiede hinweg wachsen fünf Kinder miteinander auf: Nathalie, die Bürgerstochter, Fabrice und Didier, die Brüder vom Schloss, und das Mauerblümchen Delphine sowie Nathalies algerischer Diener Salah. Doch auf dem Weg zum Erwachsenwerden zerbricht ihre kleine geborgene Welt: Nathalie ist in Didier verliebt, dieser aber bringt den Mut nicht auf, um sie zu kämpfen. Als die enttäuschte Nathalie nach Paris flieht, stürzt sie sich in einen Tanz auf dem Vulkan und begegnet dem Deutschen Alwin, der zum ersten Mal erahnt, wie die Freiheit schmeckt.

Doch das zaghafte Glück und alle Hoffnung finden ein jähes Ende, als Frankreich über Nacht im Krieg steht. Der zweite Weltkrieg beginnt, und aus Freunden werden Feinde, auf Seiten von Résistance und Besatzungsmacht stehen sich die, die sich gestern noch liebten, auf Leben und Tod gegenüber. Plötzlich müssen die jungen Leute Entscheidungen treffen - nicht mehr nur über ihr eigenes Schicksal, sondern über die Zukunft ihres Landes und sogar der halben Welt.

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Das letzte Wort ist gesagt, der letzte Ton verklungen und ich sitze da und bin überwältigt von meinen Gefühlen. Ein tolles Buch, ein wirklich sehr, sehr tolles Buch!

Doch ich fange jetzt mal am Anfang an...

Zu Beginn des Buches kam mir die Anfangsszene zwischen Nathalie und Alwin befremdlich vor. Wer war dieser Nazi Alwin, der so schroff und abfällig mit der französischen Frau Nathalie sprach, sie hintergehen wollte und sie als Hure bezeichnete? Ich konnte beide nicht greifen, hatte sie nur schemenhaft vorm inneren Auge und war bereit für ihre Geschichte...

Für die Geschichte der Kinder, die die Konsequenzen des 1. Weltkrieges erlebten und eine neue Zukunft aufbauen wollten. Für Kinder, die sich noch an die vergangene, schlimme Zeit erinnern konnten, da in jeder Familie die Lücke von fehlenden geliebten Menschen sichtbar war. 

Wundervoll und berührend erzählt Charlotte Roth vom Leben "der fünf Finger einer Hand" und schlägt den Rahmen von 1918 bis August 1944, als Paris seine Befreiung von den deutschen Besatzern feierte. Die fünf Finger der Hand, wie sie sich damals nannten, Nathalie und Salah, Didier und Fabrice und auch Delphine, alle sie lebten und liebten in Frankreich in einer Zeit, in der Freiheit und Entscheidungen nicht immer selbstbestimmt gefällt werden konnten oder durften. Manch eine Kreuzung und Gabelung, die auf dem Lebensweg eingeschlagen werden musste, führte zu schweren Entscheidungen und ihren Folgen. 

Auf der anderen Seite, in Deutschland, hat Alwin nur seine Schwester Dörte und seine Mutter. Nachdem sein Vater im 1. Weltkrieg gefallen war, musste er die Rolle des kleinen Vati übernehmen. Eine Rolle, die von diesem kleinen Jungen sehr viel abverlangte, einem kleinen Menschlein, der selbst noch liebe Worte und kindliche Streicheleinheiten gebraucht hätte.

Als Leser werden wir in das Leben dieser jungen Menschen gezogen, begleiten sie durch die schrecklichen Geschehnisse, die leider Geschichte geschrieben haben und stehen parat, wenn ihre Wege sich kreuzen. 

Charlotte Roth schreibt episch, detailliert und sehr bildhaft. Es war ein Genuß und ich wollte immer mehr! Mehr von der Kindheit der agierenden Romanfiguren, mehr von all ihren Erlebnissen, Geheimnissen und Beziehungen. All das erweckte die Autorin zum Leben und machte das Buch unvergesslich.

Besonders gelungen empfand ich den Erzählkreis, den die Autorin um die jeweilige Figur, die gerade im Fokus stand, gezogen hatte. Dadurch offenbarte sich der Charakter, und ein weiteres Puzzelteil war bereit, um das Gesamtbild entstehen zu lassen. Puzzelteil, für Puzzelteil setzte sich das Buch vor mir zusammen, bis hin zum Ende, das voller Traurigkeit immer noch überraschen und ein Lächeln aufs Gesicht zaubern konnte.

Durch eine außergewöhnliche Erzählkunst und schöne Sprache wird dem Leser die Aussage des Buches immer vor Augen und Ohren geführt: 
"Nie wieder Faschisten! Nie wieder Faschismus! Es gibt keine netten Nazis!"
Gerade in dieser heutigen, seltsamen Zeit, in der sich rechtsradikales Gedankengut versucht wieder einzuschleichen, unterzumischen und zu tarnen, müssen so Bücher wie dieses hier präsent sein, ermahnen und in Erinnerung rufen, dass das, was einmal war, nie mehr wieder geschehen darf! Liebe Charlotte Roth, DANKE dafür!
 
Bewegt bleibe ich zurück, das Ende knüpft an den Anfang an, lässt keine Fragen offen und das Puzzle ist fertig gelegt. Und im Ohr hallt mir immer noch nach:
 Jeder muss eine Entscheidung treffen, ganz alleine, seine eigene!
Fazit:
Ein historsischer Roman, der einem das Herz öffnet und darin die Sehnsucht nach Paris pflanzt. Ein Roman, der gekonnt geschichtliche Hintergründe und bekannte Personen mit der Geschichte und den Figuren der Autorin vereint. Ein Buch tiefer Gefühle, von Liebe, Freundschaft und dem streben und sehnen nach Freiheit und Glück. Ein Buch, das nicht vergessen lässt und uns jeden auf den eigenen Prüfstand stellt. Ein absolutes Lesehighlight für dieses Jahr!

Zum Hörbuch:
Die Sprecherin Elisabeth Günther machte das Buch lebendig, die Charaktere greifbar und es gelang ihr, dass ich mich tief in die Geschichte fallenlassen konnte! Mit ihrer Stimme schaffte sie zu jederzeit eine angemessene Atmosphäre, die das Buch zu einem besonderen Hörgenuss machte.
Dennoch habe ich einige Passagen mehrere Male hören müssen, da ich manch einen Zeitsprung während des Hörens nicht gleich erfasst hatte. Zudem hätte ich mir gerne ein paar Sätze markiert, um dann, jetzt im Nachhinein, die eine oder andere Stelle nachlesen zu können. Deshalb gibt es für dieses Buch eine klare Lese- und weniger eine Hörempfehlung.
 


© monerlS


 

Kommentare

  1. Schön, noch jemand, der "Gegen das Vergessen" liest.

    Liebe Monerl, hier mal ein Lebenszeichen von mir. Habe Deine Nachricht erhalten (und mich sehr darüber gefreut) und melde mich am Wochenende mal per Mail bei Dir.

    Liebe Grüße, Anne

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    1. Liebe Anne,
      Ich freue mich so sehr, dass du dich meldest! Hatte mir richtig Sorgen gemacht... Ja, ich lese auch -Gegen das Vergessen- an. Nicht so oft und so explizit wie du es machst, aber doch immer wieder, wenn mir eine tolle Geschichte über den Weg läuft.
      Freue mich auf Nachricht von dir,
      herzallerliebst, monerl

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  2. Charlotte Roth, auch ein Psydonym für Charlotte Lyne, versteht es meisterhaft Geschichten über /mit Kindern ihrer Zeit zu erzählen. *Kinder des Meeres* von Charlotte Lyne ist mein Lieblingsbuch :-)

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    1. Hallo liebe Angela,
      ja, da hast du recht, Charlotte Roth ist auch Charlotte Lyne! Und wenn du Lust hast, kannst du die Rezi zu deinem Lieblingsbuch HIER nachlesen. Meine liebe Sursulapitschi hat nämlich dieses Buch gelesen und eine Gastrezension auf monerlS-bunte-Welt veröffentlicht. :-)
      Falls du es noch nicht weißt, weitere Pseudonyme der Autorin sind ebenso Carmen Lobato wie auch das neue, Lydia Conradi. Von letzterer warte ich ganz sehnsüchtig auf das neu zu erscheinende Buch mit dem wundervollen Titel "Das Haus der Granatäpfel"! Viel Spaß beim Entdecken von weiteren tollen Büchern der Autorin aus allen ihren Pseudonymen,
      wünscht dir das Monerl

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  3. Hallo Monerl,
    eine bewegende Rezension, du hast mich überzeugt, dieses Buch scheint es wert gewesen zu sein. Von Charlotte Roche hab ich auch schon Bücher gelesen, ich weiß aber leider nicht mehr, wie die hießen. Was lob ich mir da meinen Blog, da könnte ich jetzt einfach danach suchen :D
    Interessant auch dein Fazit, dass sich das Buch eher zum Lesen denn zum Hören eignet.
    Ich habe deinen Beitrag auf meiner Wanderung durch die Welt der Bücherblogs verlinkt, wie du ja schon gesehen hast :D
    Grüße
    Daniela

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    1. Hallo Daniela,
      dieses Buch ist es absolut wert gelesen zu werden und verdient ganz, ganz viel Aufmerksamkeit! Ich hoffe, dass du es dir bald zu Gemüte ziehen kannst und am Ende genauso begeistert sein wirst wie ich.
      Die Autorin Charlotte Roth ist nicht zu verwechseln mit Charlotte Roche! ;-) Wenn du hier auf dem Blog "Charlotte Roth" eingibst, findest du noch eine Rezension zu einem Buch von ihr, das mich sehr begeistert hat: "Als der Himmel uns gehörte". Vielleicht kennst du dieses Buch? Die Autorin schreibt auch unter den Namen Charlotte Lyne, Carmen Lobato und bald auch unter Lydia Conradi...
      GlG vom monerl

      Auch hier ein liebes Dankeschön für die Verlinkung! Das Buch hat eine weite Verbreitung absolut verdient! Alleine schon wegen des Themas!

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