Buchvorstellung - Und es schmilzt

#160 Rezension


Und es schmilzt

Lize Spit

Gelesen von: Anna Thalbach, Johanna Thal
Spieldauer: 13 Stunden 7 Minuten
Version: ungekürzt
Verlag: Audible
Erscheinungsdatum: 25. August 2017
Sprache: Deutsch 

Originaltitel: Het smelt
Originalsprache: niederländisch
Übersetzer: Helga van Beuningen

Hörbuch: ? von 5 Sternen

 

© Audible



Widmung der Autorin"Für Tilde, Jornt & Saar"


Buchbeschreibung:
Ein Hörbuch, das alles gibt und alles verlangt.

Ein Eisblock, eine totgeschwiegene Geschichte, eine Schlinge im Schuppen. Mit großer Zärtlichkeit und erzählerischer Brillanz nimmt Lize Spit den Leser in ihrem Roman "Und es schmilzt" mit auf eine verstörende Reise durch die grausame Unschuld der Jugend. Eine erschütternde Geschichte über Freundschaft, Familie und Verrat.

Mit einem Eisblock im Kofferraum fährt Eva in ihr Heimatdorf, das belgische Bovenmeer. Jahrelang ist sie nicht dort gewesen. Und sie hat nie zurückgeblickt - bis eine Einladung ihrer beiden ältesten Freunde Pim und Laurens alles zurückholt: Die Schlinge, die der Vater ihr im Schuppen zeigt, die betrunkene Mutter, die Eva vor aller Augen mit der Schubkarre vom Gemeindefest abholen muss. Und den Sommer, in dem Pim und Laurens den bittersten Verrat an Eva begehen; den Sommer, den Eva seit dreizehn Jahren zu vergessen versucht.

Die junge Bestsellerautorin Lize Spit wagt sich mit ihrem ersten Roman "Und es schmilzt" an die Grenzen des Sagbaren.

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Kein Buch hat mir jemals so weh getan, nicht psychisch und vor allem nicht physisch! Ja, dieses Buch lässt mich etwas verstört zurück. Und ich schreibe diese Rezension jetzt ganz schnell ein paar Stunden, nachdem ich das Hörbuch beendet habe, um mit diesem Buch abschließen, um es gehen lassen zu können, obwohl ich weiß, dass es mich noch sehr lange beschäftigen und es nachhallen wird. Auf dieses Buch kann man sich nicht vorbereiten, auch wenn man vorab weiß, dass man so eine Geschichte bisher wahrscheinlich noch nicht gelesen hat. 

Dass es krass wird, war mir klar. Dass es grausam wird, wohl auch. Dass es mich aber geschockt, sprachlos und starr zurücklässt und ich mich als Zuhörer wie ein perverser Gaffer fühlen würde, der beobachtet und nicht eingreift, darauf war ich nicht gefasst!

Lize Spit schält die Geschichte, bis nur noch die Essenz übrig bleibt, auf zwei zeitlichen Ebenen. Eine ländliche Gegend, ein Dorf, Familien und Freundschaften, ein Sommer, nach dem nichts mehr sein kann, wie es einmal war. Die Gegenwart wird eine Reise in die Vergangenheit, die Eva nie abschütteln und vergessen konnte.

Die Autorin entfernt Stück für Stück die Deckmäntel und man wird Zeuge von einer erzwungenen Dorfgemeinschaft, einer zusammengewürfelten Freundschaft, zerrütteten Familien, verwahrlosten Kindern, die sich selbst helfen müssen, um weiter machen zu können. Einige werden stark, wie Evas Geschwister Jolan und Tesje, und andere wiederum zerbrechen, so wie Eva und auch Jan.

Sprachlich gekonnt baut Liza Spit eine subtile Spannung auf, die einen vorwärts treibt. Auf etwas zu, das man nicht greifen kann oder auch nicht will. Ich weiß es nicht. Ich hatte mich gedanklich so sehr auf diesen Eisblock fixiert, sodass mich die Wucht, mit der mich der Schrecken des Sommers 2002 dann traf, regelrecht paralysierte. 

Das Grauen, das direkt in mein Ohr und somit in meinen Körper wanderte, lähmte mich wirklich. Ich habe mit diesem Buch eine Art Unschuld verloren. Näher, besser oder treffender kann ich es nicht beschreiben.

Das Ende ist wie das ganze Buch, trostlos. "Warum" muss man nicht fragen. Für mich ist es eindeutig. Manchmal holt einen die Vergangenheit ein, die man mehr oder minder geschafft hat erfolgreich wegzudrücken. Dann reicht so etwas banales wie eine Einladung, die einen in die Vergangenheit katapultiert und einem ein zweites Mal Wegdrücken nicht mehr erlaubt. Einige Fragen bleiben noch offen. Das "Danach" wäre im ersten Moment evtl. noch interessant gewesen. Doch nun, ein paar Stunden später denke ich: Ist doch egal! Es hätte nichts geändert. Und manchmal ist es besser, wenn man nicht alles weiß. 

Zum Hörbuch:
Ich war vom Zuhören so gefesselt, konnte das Hörbuch einfach nicht weglegen. Ich ließ mich von der Sprecherin vorwärts treiben, auch wenn ich mich mit der Stimme von Anna Thalbach nicht ganz so anfreunden kann. Souverän meistert sie aber auch das Allerschlimmste. Ich weiß nicht, ob ich dieses Buch hätte einlesen können.

Fazit:
Mein erstes Buch ohne Sterne. Sprachlich gelungen. Interessant und episch erzählt. Die Charaktere sehr gut, intensiv und tiefgründig porträtiert. 
Es ist ein Buch über Freundschaft und der Verrat von dieser. Es ist ein Buch über Familien, die keine sind. Es ist ein Buch über die Jugend, das Erwachsenwerden und die Grausamkeit des Lebens.
Muss man das Buch gelesen haben? Ich. Weiß. Es. Nicht. Doch wer sich darauf einlässt, wird es nie mehr so leicht vergessen.


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© monerlS

Kommentare

  1. Vorab: Ich hab das Buch nicht gelesen und kenne nur ein paar Rezensionen dazu.

    Auch wenn es ganz sicher keine leichte Lektüre war und Dir im klassischen Sinne offensichtlich auch nicht "gefallen" hat, scheint es doch handwerklich sehr gut erzählt zu sein und einen auch emotional zu packen. Das wäre für mich ein Grund, einen hohe Sternewertung zu vergeben. Andererseits muss einem auch der Inhalt zusagen und das, was als "Message" am Ende rüberkommt. Und da scheint mir nur eine düstere Geschichte ohne positive Aspekte zu stehen. Selbst wenn man deswegen Sterne abzieht und eine mittelmäßige Sterneanzahl übrig bleibt, scheint so eine Einsortierung das Buch überhaupt nicht richtig einzuschätzen. Weil eben viele tolle Aspekte (eindringliche Erzählung, tolle Sprecher) und viele schreckliche (das, was erzählt wird) kein Mittelmaß ergeben.
    Das spricht für mich wieder mal gegen eine Sternebwertung an sich.

    Was das Buch ausmacht, hast Du für meinen Geschmack wirklich sehr gut in Deinem Text eingefangen. Als potentielle Leserin habe ich einen guten Eindruck davon, was mich wohl erwarten wird - ohne dass zu viel verrten wurde - und kann mir überlegen, ob ich mir das antun möchte oder nicht (ich bin nach wie vor bei Ja).
    Vielen Dank für diese gelungene Einschätzung!

    LG Gabi

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    1. Liebe Gabi,

      DU hast mein Dilemma in genau die richtigen Worte gefasst! Besser hätte ich es nicht ausdrücken können! Egal was ich wähle, es ist insgesamt nicht stimmig. Wenn ich je doch noch bewerten werde, dann wird es hierzu in einem Zusatz die Begründung geben. Ganz detailliert! Damit werde ich mich dann wohl am besten fühlen. Ein paar Tage wird es aber noch dauern.

      Falls du dich FÜRS Lesen (oder Hören) des Buches entscheidest, bin ich sehr gespannt auf deine Meinung. Gerade, weil du meine zwiespältigen Gefühle so feinfühlig und treffend benennen konntest. Jetzt kann ich dir ja verraten, dass ich mir fast schon wünsche, du würdest es lesen... Ach je... Ich werde die Augen offenhalten.

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar!
      GlG vom monerl

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  2. Moin, liebe monerl,
    ich glaube, beim Büchertreff.de gab es eine sehr lange Diskussion zu dem Buch. Von daher weiß ich, dass es eher nichts für mich ist. Und auch, was Du über die Geschichte schreibst, verlangt mich nicht danach, sie zu lesen.
    Liebe Grüße, Anne

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    1. Moin, moin Anne,

      ich kann mir sehr gut vorstellen, wie intensiv über dieses Buch diskutiert werden kann! Es polarisiert sehr. Das möchte es wahrscheinlich auch. Es ist kein Buch für Zartbesaitete und auch keines für Leser, die mit Gewalt in Büchern, in egal welcher Form, nicht zurechtkommen. Es wäre wahrscheinlich gut, wenn der Verlag hierzu eine Triggerwarnung geben würde.
      Es gibt so viele gute Bücher und Geschichten. Deswegen sollte man keine Lesen, von denen man nicht gänzlich überzeugt ist.
      Danke für deinen Kommentar!

      GlG vom monerl

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  3. Das ist der für mich bisher gehaltvollste Eindruck seit ich das Buch überall sehe. Ich war bisher unsicher, weiß aber jetzt, dass das Buch wohl nichts für mich ist. Mir würde es vermutlich genauso zwiegespalten ergehen wie dir.
    Vielen Dank und liebe Grüße,
    Mona

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    1. Hallo Mona,
      herzlichen Dank für das Lob! Ich freue mich, wenn ich dir mit meiner Rezension zu einer Entscheidung verholfen habe. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer ich mir mit meiner Meinung getan habe. Irgendwann werde ich ein EDIT machen, und meine Bewertung eintragen und begründen. Das wird aber noch ein Weilchen dauern. Ich bin noch zu aufgewühlt...
      GlG vom monerl

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  4. Liebes Monerl, danke, dass endlich mal jemand nicht nur oberflächlich 'rumeiert, sondern das Kind beim Namen nennt. Ich hatte schon ein paar Mal überlegt, ob ich das Buch lesen oder hören sollte, bin mir aber jetzt sehr sicher, dass dies nicht der Fall ist. Warum sollte ich mir das antun.
    Liebste Grüße Heike

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    1. Liebe Heike,
      danke für deine Worte! Ja, ich denke, bei solchen Büchern muss man ehrlich sein. Sie sind keine reine Unterhaltung. Es ist immer gut, wenn man von vorne herein weiß, worauf man sich einlässt, das spart großen Frust, dem Leser, dem Autor als auch dem Verlag.
      GlG vom monerl

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  5. Liebe Monerl,
    das ist eine ganz wunderbare, authentische Rezension.
    Ich wünsche dir einen schönen Start in die neue Woche.
    Herzliche Grüße
    Sascha

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    1. Hallo lieber Sascha,
      ich freue mich über deinen Besuch und darüber, dass dir meine Rezension gefällt. :-) Ich bin sehr froh, dass ich deine Rezi als erstes gelesen hatte, so war ich doch einigermaßen drauf gefasst, was mich bei dieser Lektüre erwartet.
      Für dich auch eine tolle Woche, mit möglichst viel Lesezeit!
      GlG vom monerl

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